

Der Römerkanal gilt als ein Meisterwerk antiker Baukunst. Noch heute kann man auch im Naturpark Rheinland Reste der alten Wasserleitung in der Landschaft erkennen. Auf einer Gesamtlänge von 116 Kilometern lädt der gleichnamige Wanderweg dazu ein, sie zu entdecken. 2011 wurde die Strecke neu ausgeschildert, im Juni 2012 wird der „aufgefrischte“ Weg offiziell eingeweiht.
Für unsere Naturparkzeitung „Der Entdecker“ sprach unser Autor Manfred Kasper mit Professor Dr. Klaus Grewe, Archäologe und Vorstandsmitglied im Freundeskreis Römerkanal, und dem Kabarettisten, Autor und Musiker Konrad Beikircher über das Projekt:
Herr Beikircher, Sie werden im Juni zum Römerkanal-Paten. Was heißt das für Sie?
Beikircher: Für mich ist das eine große Ehre und ich hoffe, dazu beitragen zu können, die Aufmerksamkeit für den Römerkanal zu steigern. Mich wundert es manchmal, dass andernorts vielmehr Aufsehen um römische Hinterlassenschaften gemacht wird als hier bei uns.
Das Rheinland täte gut daran, sich aktiver mit diesen Dingen auseinanderzusetzen. Denn: „Nur wenn ich um meine Geschichte weiß, kann ich eine Zukunft aufbauen“.
Wie kam es zu der Patenschaft?
Grewe: Konrad Beikircher und ich kennen uns schon sehr lange. Ich dachte, es könne dem Projekt nicht schaden, wenn jemand wie er mit seinem Namen unterstützend aktiv wird. Zumal er den Hintergrund ja auch in seiner Arbeit hat. Er hat ein Archäologieprogramm gemacht, auch die Römer sind immer wieder Thema.
In Ihren Programmen betonen Sie, dass die Römer durchaus Genießer waren. Haben sie deshalb eine Wasserleitung von der Nordeifel bis nach Köln gebaut?
Beikircher: Ja, sicher. Man muss sich das einmal vorstellen: Die Römer kamen ja aus einer sehr zivilisierten Welt mit Fußbodenheizung und Warmwasser hier ins Rheinland. Und sie wollten das Land in Besitz nehmen. Doch als „Kolonialist“ kommt nur jemand, dem ich Anreize biete – ganz nach dem Motto: Wenn wir schon da hochgehen, dann wollen wir aber vernünftige Bäderhaben. –
Das wäre, wie wenn Sie heute ein Häuschen in der Eifel kaufen, und dann stellen Sie fest, es gibt keinen Internetzugang. Das geht ja nicht.
Die Römer hatten also gar keine Alternative?
Grewe: Kaum, denn sie brauchten viel und qualitativ gutes Wasser. Jedes römische Lager, jede Siedlung und jeder Bauernhof hatten eine eigene Leitung. Man ging ganz bewusst in die Sötenicher Kalkmulde bei Nettersheim, denn man wollte kalkhaltiges Wasser. Manche vermuten, des Geschmackes wegen – ich aber glaube, es lag eher daran, dass man in der Stadt ein Druckleitungsnetz aus Bleirohren hatte. Wenn man kalkhaltiges Wasser verwendet, versintern die Leitungen innen. Das Wasser kommt nicht ans Blei.
Und warum gerade hier?
Grewe: Köln war Provinzhauptstadt. Hier war von 81- 84 n. Chr. ein gewisser Sextus Julius Frontinus Statthalter, ein ganz bedeutender Staatsmann in römischer Zeit, der später noch zum Curator Aquarum Roms ernannt werden sollte, also eine Art Direktor der stadtrömischen Wasserwerke.
Möglicherweise war er es, der die Eifelwasserleitung in Auftrag gegeben hat, und zwar zu der Zeit, als die Römer ihre politischen Grenzen neuordneten.
Beikircher: Auch hier wiederholt sich übrigens Geschichte. Sehen Sie nur den Hauptstadtbeschluss für Berlin. Da hat man dann ja auch vielgemacht.
Was ist denn das Besondere an der Eifelwasserleitung?
Grewe: Der Römerkanal ist das bedeutendste technische Bauwerk der Römerzeit nördlich der Alpen. Einmal hinsichtlich seiner Länge, zum anderen weist er technische Elemente auf, die es in dieser Form in keiner anderen römischen Wasserleitung gibt. All das können wir archäologisch nachweisen, zum Beispiel drei Abschnitte, die Baulosgrenzen aufweisen. Man baut eine solche Leitung ja nicht in einem Stück, sondern teilt sie in Baulose, wie heute auch. An deren Übergang findet man einen unvermeidbaren Höhenversprung, der über ein Tosbecken ausgeglichen wurde, damit das Wasser die Leitung nicht zerstört.
Wie funktionierte das mit den Baulosen?
Beikircher (lacht): Ich glaube, die haben damals schon nicht ausgeschrieben. Eine gewisse Seelenverwandtschaft zwischen Römern und Rheinländern gab es ja schon immer ...
Grewe: Einzelne Abschnitte der Leitung wiesen unterschiedliche Bauweisen und Materialien auf; ein Hinweis darauf, dass hier verschiedene „Firmen“beteiligt waren. Aber: Sie haben alle gleichzeitig gebaut. Denn wenn jemand wie Frontinus solch einen Auftrag erteilt und weiß, er ist noch drei Jahre in Köln, dann will er das Bauwerk auch selbst einweihen.
Beikircher: Das ist etwas, das prinzipiell gerne vergessen wird. Die Römer haben sich für diese Dinge viel weniger Zeit genommen, als man denkt. Die Römer waren flott!
Was wäre gewesen, wenn es die Wasserleitung nicht gegeben hätte?
Beikircher: Ohne das Wasser aus der Eifel hättesich Köln ganz anders entwickelt. Es wäre vermutlich Bergheim geblieben.
Das zeigt aber auch: Wasser war damals schon eine zentrale Ressource, sozusagen ein Standortfaktor. Wenn man die Bauwerke betrachtet, die in diesem Kontext entstanden sind, spürt man, welch ein Aufwand damals betrieben wurde. Das ist fast wie eine Zeitreise.
Und wie viel vom alten Römerkanal kann man heute noch sehen?
Grewe: Zwischen Nettersheim und Köln haben wir 53 Stellen eingerichtet, an denen man etwas sehen kann. An jedem dieser Punkte können Sie sich in die Rolle eines römischen Ingenieurs hineinversetzen.So kann man ermessen, was für eine Leistung es war, eine solche Gefälleleitungzu bauen, in der ich eine Linie finden muss, damit– bildlich gesprochen – eine Kegelkugel von Nettersheim bis Köln rollen könnte.
Doch der Römerkanal lebt auch in anderer Form weiter. Im Mittelalter wurden seine Steine kilometerweit aus dem Boden geholt, um daraus Burgen, Klöster und Kirchen zu bauen. Die Menschen haben also nicht mehr die Leitung, wohl aber das Bauwerk genutzt. Ein schönes Beispiel ist der Aquäduktmarmor, der bis nach Dänemark „gehandelt“ wurde. Sogar die Königsgräber in Roskilde sind mit diesem besonders schönen Materialverschlossen.